6/05/2017

Gastbeitrag: Brauchen unsere Kinder mehr Bindung und emotionale Sicherheit für eine gesunde Entwicklung? Ein Essay

Einige meiner Studierenden aus der Fachschule für Sozialwesen haben Essays zum Thema Bindung geschrieben. Die Gruppe hat sich in einem Vorkurs bei einem Bildungsträger bereits mit dem Thema beschäftigt, ich knüpfe nun daran an und war interessiert, was ihnen dazu einfällt bzw. wie sie sich positionieren. Frau Becker hat ausgehend von ihren Erfahrungen als Mutter ihr Wissen als angehende Fachkraft verknüpft und einen, wie ich finde, sehr gelungenen Text abgegeben. Sie zeigt darin, das eine neue Generation Erzieherinnen in den Fachschulen ausgebildet wird, die sich darüber bewusst sind, wie wichtig "in Beziehungen" Aufwachsen für Kinder ist. Die Gesellschaft muss sich allerdings dazu bereit erklären, die Bedingungen in den Einrichtungen so zu gestalten, dass dies auch umgesetzt werden kann. Dafür lohnt es sich zu kämpfen, im Sinne aller Kinder, die in Kitas und Krippen betreut werden und damit die Menschen dort gut arbeiten können!
Mit ihrem ausdrücklichen Einverständnis teile ich heute also den Essay von Carmen Becker mit euch. 



Brauchen unsere Kinder mehr Bindung und emotionale Sicherheit für eine gesunde Entwicklung?  Ein Essay

Die Schlafzimmertür öffnet sich leise und eine kleine Gestalt schiebt sich vorsichtig in den Raum. Ich schiele zur Uhr, 3.15 Uhr, sie ist wieder pünktlich, die kleine Maus. Unsere vierjährige Tochter geht vorsichtig zum Fußende des Bettes und klettert hinein. Sie kuschelt sich zwischen uns und schläft sofort wieder ein. Seit der Geburt der kleinen Schwester, die wegen Platzmangel vorrübergehend das Elternschlafzimmer mitbewohnt, schläft Ann-Kathrin nicht mehr alleine und wir akzeptieren, dass sie den Rest der Nacht bei uns schlafen darf. Ich drehe mich auf die Seite und denke nach. Verwöhnen wir sie zu sehr? Bindet sie sich zu sehr an mich? Muss unsere Tochter lernen mit der Frustration klarzukommen, das die Schwester, aber nicht sie bei uns schlafen darf und was bedeutet das für ihre weitere Entwicklung? Sollten wir ihr mit Konsequenzen und Strafen drohen und was würden die Erzieherinnen in der KiTa dazu sagen?
Eigentlich wissen wir doch intuitiv was unsere Kinder brauchen und auch unsere Kinder kommen mit dem instinktiven Bedürfnis zur Welt sich zu binden. Warum lassen wir uns so verunsichern und wenden eher irgendwelche Methoden aus Büchern an anstatt unserem Instinkt zu vertrauen dessen Wurzeln in unserer Evolution verankert sind? Einige Thesen, über die es sich nachzudenken lohnt, hat meiner Meinung nach Prof. Dr. Gordon Neufeld, ein Entwicklungspsychologe aus Kanada aufgestellt. Er plädiert dafür den Behaviorismus zu überwinden und weist nach, dass dieses System kontraproduktiv ist. Er beruft sich auf Pestalozzis Sichtweise und zeigt auf, das Bindung nicht nur für Kleinkinder von entscheidender Bedeutung ist, wie das in der Bindungsforschung, zum Beispiel von Sir John Bowlby vor allem betont wird, sondern für uns Menschen ein Leben lang das zentrale Bedürfnis bleibt. Die Furcht vor dem Verlust unserer Bindungen beeinflusst unser ganzes Leben. In der Vertrauenspädagogik gibt es einen Leitsatz den wir verinnerlichen sollten: „Die wichtigsten Dinge im Leben kann man weder einfordern noch erzwingen: Das Vertrauen, die Liebe und letztlich auch nicht den Gehorsam. Sie sind die Frucht der Bindung.“ Befolgt man die Regeln der Bindungsforschung gibt es eigentlich keine Probleme. Also ist es doch nicht so schlimm, wenn unsere Tochter lieber bei uns schläft anstatt in ihrem eigenen Bett, oder bin ich ein Blödmann, weil ich mich auf die Bedürfnisse unseres Kindes einlasse?
 Aber ich finde das Allerwichtigste für ein Kind ist doch die Kontinuität, dass es eine Bezugsperson hat der es ohne Wenn und Aber vertrauen kann, bei der es das Gefühl hat das ihm nichts passieren kann. Bringen wir nicht seit einigen Jahren unsere Kinder von klein auf in Situationen, in denen ihre zentralen Bezugspersonen (Eltern, Großeltern) für sie nicht erreichbar sind? Von den stellvertretenden erwachsenen Bezugspersonen (Erzieherinnen, Lehrkräfte) wird die Dynamik des kindlichen Bindungsinstinktes unterschätzt, zusätzlich sind sie durch zu große Gruppen und Klassen überfordert und können das nicht leisten. Aus diesen Gründen kann es vorkommen, dass sich unsere Kinder ihre Bezugspersonen unter Gleichaltrigen suchen. Doch was können Gleichaltrige von Gleichaltrigen lernen? Binden sich die Kinder an ihre Peers, dann haben sie kein Interesse mehr daran die Werte und Fähigkeiten ihrer Eltern und Lehrer zu übernehmen. Der kulturelle Transfer bricht zusammen. Unter Umständen kann die Reifung zu echter Selbstständigkeit durch diese fehlgeleiteten Bindungen verhindert werden und die Kinder können ihr Potenzial nicht entfalten. Haben wir bald eine Generation von ewigen Jugendlichen? Ich lege mich auf den Rücken und beschließe auf meine Intuition zu vertrauen, Kinder brauchen sichere, funktionierende Beziehungen in denen sie sich geborgen fühlen, nur so können sie zu starken Persönlichkeiten heranreifen.

Quellen
Der Neufeld Ansatz für unsere Kinder – Dagmar Neubronner
Mehr als Liebe? Die besondere Bindung zwischen Eltern und ihrem Kind -
Lisa Balihar, Carolin Büdel, Scarlett Henning, Julia Klemm, Mareike Lüdke, Eva Nitschke

5/23/2017

Wie Kinder Selbstbewusstsein entwicklen können

Am Sonntag konnte ich der Kleinen Dame dabei zuschauen, wie sie selbst über sich hinaus wuchs. Wir waren auf einem Spielplatz, der viele Klettermöglichkeiten bot. 
Ein "Rapunzelturm" auf den die Kinder entweder über Klettergriffe oder ein Gitternetz gelangen konnten. Dazu musste eine Art Sprossenwand überwunden werden. Die Abstände der Leisten waren sehr groß - gemessen an der Beinlänge der Kleinen Dame.
Nachdem die Kleine Dame ein paar Mal gerutscht war, versuchte sie sich an der Sprossenwand. ich lief dem Küken hinterher, die das Gelände erkundete. 
"Mama, ich habs  geschafft!" rief die Kleine Dame von der ersten Plattform. Ihre Backen waren rot vor Anstrengung, die Augen glänzten vor Freude. 
Das Küken und ich waren begeistert: "Wow, du hast es alleine geschafft.". 
Nun nahm sie sich das Gitternetz vor - langsam tastend arbeitete sie sich vor. Dabei stand ich auf ihren Wunsch neben ihr, helfen musste ich nicht. Auch diesen wackeligen Weg bewältigte sie alleine. Das Küken verlangte nach meiner Aufmerksamkeit, als ich mich der Kleinen Dame wieder zuwandte, erklomm sie gerade eine Steilwand. Leise und konzentriert sprach sie mit sich selbst: "Ich kann das. Ganz langsam. Ich bin stark." Sie schaffte es. Ruhte sich kurz aus und entschied, dass ihre Beine für den Abstieg auf der zweiten Sprossenwand zu kurz waren. Sie bat mich um Unterstützung, die sie bekam. Gemeinsam erarbeiteten wir einen für sie passenden Weg.
Unten angekommen fiel sie mir um den Hals. "Mama, hast du gesehen was ich kann. Ganz alleine." "Ja Kleine Dame. Das habe ich." Die nächste halbe Stunde verbrachte sie damit, mehrmals über den beschriebenen Parcours zu klettern, nur mit Sicherheitsunterstützung beim
Abstieg und sich abschließend neue Herausforderungen zu suchen.

Es ist egal, ob das Kind zum ersten Mal aus eigener Drehung vom Rücken auf den Bauch schafft oder einen Kletterparcours bewältigt. Das Erleben der eigenen Selbstwirksamkeit und die aufmerksame Teilnahme mit einem bewussten unterstützenden Eingreifen seitens der Erwachsenen sind es, die das Selbstbewusstsein des Kindes stärken, Das mühsame Erarbeiten einer Bewegung, eines Gerätes und das wunderbare Gefühl, wenn es gelingt, belohnt das Kind ausreichend.

4/18/2017

Bin ich eine gut genuge Mutter?

"Jedes  Kind hat eine gut genuge Mutter" - so ähnlich lautet ein Zitat von Anna Tardos (Emmi Piklers Tochter) das ich einmal auf einer Tagung von ihr hörte und gerne zitiere. Vor allem anderen Müttern gegenüber, wenn sie unsicher sind, ob sie ihren Job als Mutter gut machen. Es strahlt aus: Du bist in Ordnung, du machst das gut. 

Aber manchmal frage ich mich, ob das auch auf mich zutrifft. Vor allem nach Nächten, in denen meine Dreijährige erst mich und dann so langsam ein Familienmitglied nach dem anderem aus dem Schlaf brüllt. Heute nacht brauchte sie erst meine Nähe. Dann eine frische Windel. Dann wollte sie mit dem Papa kuscheln. Dann mochte sie seinen Atem nicht. Dann war er ihr nicht warm genug und sie wollte zu mir zurück. Da lag aber schon ihre Schwester und weinte, weil sie nicht schlafen durfte. Denn natürlich musste auch drei Mal das Licht angemacht werden, damit die Tochter trinken konnte. Nachts bin ich die schlechteste aller Versionen, die es von mir gibt. Ich schaffe es ungefähr zehn Minuten freundlich und gelassen zu bleiben. Dann kann ich nicht mehr.  Mein müdes Gehirn raunzt vor sich hin und spricht Dinge wie "Ich gehe jetzt gleich hier weg" aus. Mein Körper schmerzt. Meine Tochter weint. Brüllt. Gerät außer sich. Auch wenn ich nichts sage. Still bleibe. Meine Wut über den geraubten Schlaf runterschlucke. Sie ist manchmal untröstlich. Auch tagsüber bringen Kleinigkeiten wie zwickende Socken oder die falsche Farbe der Haarspange sie auf die Palme. Ich bin belesen und reflektiert. Ich weiß, wie ich eigentlich handeln sollte. 

Trotzdem kann ich es so oft nicht. Die Wut darüber, dass es nicht einmal einfach ist, dass immer alles genauso sein muss, wie sie es für sich braucht und alle anderen darunter leiden, wenn es nicht so ist. Diese Wut. Ich schäme mich dafür. Denn sie hat mich im Griff. Ich werde laut und grob. Ich will dann nur, dass es aufhört. Dieses Geschrei, Gezeter, Spucken, Stampfen, Sabbern. Die Emotionalität meiner Tochter ist beeindruckend. Alle, die es erleben konnten, waren fassungslos. Es ist meine größte Prüfung. Mehrmals täglich. Ich scheitere oft. "Mama, schrei mich nicht an. Kinder dürfen schreien. Mamas nicht!". In diesen Momenten bin ich weit davon entfernt, eine gut genuge Mutter für dieses Kind zu sein. Ich weiß das.

Es gibt viele gute Momente zwischen meiner Tochter und mir. In denen es leicht ist und wir lachen und sie sich nicht erschüttern lässt und ich mich auch nicht. Doch diese dunklen Momente, diese Wut im Bauch, die wäre ich gern los. Aber sie hat uns beide im Griff und meine Aufgabe als die Erwachsene ist es, damit umzugehen. Sie zu kanalisieren, nicht an ihr auszulassen. Ich gebe mein Bestes. Hoffentlich gut genug.